{"id":987,"date":"2016-08-24T17:11:47","date_gmt":"2016-08-24T15:11:47","guid":{"rendered":"http:\/\/theater-svlg.de\/?page_id=987"},"modified":"2016-08-24T22:27:20","modified_gmt":"2016-08-24T20:27:20","slug":"presse-wenn-alte-rechnungen-beglichen-werden","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/theater-svlg.de\/?page_id=987","title":{"rendered":"Presse"},"content":{"rendered":"<h1><b>Wenn alte Rechnungen beglichen werden<\/b><\/h1>\n<h3><b>Schon mit den beiden Extrabl\u00e4ttern des G\u00fcllener Volksboten wurden die Leser dar\u00fcber informiert, dass die Stadt G\u00fcllen tief in der Krise steckt. Aber auch der Kommentator deutete an, dass &#8222;unsere Kl\u00e4ri&#8220; Hoffnung auf einen Wertewandel versprechen k\u00f6nnte.\u00a0<\/b><\/h3>\n<p><b>RAINER KOLLMER<\/b><br \/>\nGAILDORF \u2217 Wie haltbar ist Moral? Wie dehnbar ist sie? Wie kommt es, dass Moral in ihr Gegenteil umschl\u00e4gt und dann immer noch als Moral verkauft wird? Als Friedrich D\u00fcrrenmatt sein St\u00fcck \u201e\u00a0Der \u00a0Besuch \u00a0der \u00a0alten \u00a0Dame\u201c 1956 in Z\u00fcrich auf die B\u00fchne brachte, war das Publikum zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg noch beson\u00a0ders sensibel f\u00fcrs Moralische. 12 Jahre praktizierte Unmoral lassen sich nur nach und nach sanieren.<\/p>\n<p>Wenn das St\u00fcck 53 Jahre sp\u00e4ter erneut auf die B\u00fchne kommt, ist von \u00a0der historischen Grundbefindlichkeit nicht mehr viel vorhanden. Da muss man aufpassen, dass die \u00a0alten Moral-Schablonen \u00fcberhaupt noch ins aktuelle gesellschaftliche Grundmuster passen.<\/p>\n<p>Die Auff\u00fchrung \u00a0der Theater-AG unter F\u00fchrung von Thomas H\u00f6ll meisterte das Problem mit Brillanz. \u00a0Der weitgehende Verzicht auf aktualisierende M\u00e4tzchen schuf klare Verh\u00e4ltnisse (vom Laptop und von \u00a0der portablen Baustellen-Klobude einmal abgesehen). Denn Transparenz war das Mittel \u00a0der Wahl. Wenn sich \u00a0der Lehrer anfangs leidenschaftlich \u00fcber ethische Grundprinzipien auslie\u00df, wehte sanft \u00a0der feine Staub antiker Wertvorstellungen in die Aula. Sarah Stadelmaier schaffte diese schwierige Aufgabe mit viel Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen.<\/p>\n<p><strong>Doppelter Moralbegriff<br \/>\n<\/strong>Dagegen standen die biederen B\u00fcrger G\u00fcllens (Corinna Rigol, Eva-Maria Schr\u00f6\u00a0der, Silke Weiss, Mareike Schwarz sowie die Enkelkinder Ellen Schober und Moritz Sch\u00fctt). Sie boten ein sorgf\u00e4ltig gezeichnetes Abbild einer scheinbar durchschnittlich-harmlosen (und deshalb gef\u00e4hrlichen) Bev\u00f6lkerung, deren doppelter Moralbegriff sich vor allem an der eigenen \u00dcberlebensstrategie orientiert. Aber auch die angesehenen Honoratioren des Dorfes waren keinen Deut besser. Der gutm\u00fctig-durchtriebene Polizist (Benjamin B\u00f6rret), der selbstgef\u00e4llig salbadernde Pfarrer (Silke Weiss), der \u00fcbereifrige Arzt Dr. N\u00fcsslin, Frau Ill und nicht zuletzt der von Michael Frank ausgezeichnet gespielte B\u00fcrgermeister waren tr\u00fcgerische Kn\u00fcppeld\u00e4mme durch den moralischen Sumpf von G\u00fcllen. Wenn&#8217;s drauf ankommt, wird die Moral so br\u00fcchig wie die Eisschicht auf einem See bei einsetzendem Tauwetter.<\/p>\n<p>Ruben Seidel als Ill hatte es bei so viel biederer Begehrlichkeit in seiner ach so geliebten Heimat G\u00fcllen nicht leicht. Entwickelt sich ein Gemischtwarenladenbesitzer mit unmoralischer Vergangenheit (&#8222;ich war unerfahren&#8220;) wirklich zum heroisch auftretenden Intellektuellen, wenn es ihm ans Leder geht? Selbst den Zug ins \u00dcberleben verpasst er.<\/p>\n<p>Das Gefolge der alten Dame war im Sinne von D\u00fcrrenmatt jedenfalls stimmig. Die drei auswechselbaren Gatten wurden von Jasmin Jurthe als herzhaft-komische Karikaturen personifiziert, die Chewing-Gum m\u00fcmmelnden S\u00e4nftentr\u00e4ger (Jonathan Gl\u00f6ckler und Benjamin H\u00e4fner) und das unzertrennliche Synchron-Paar Fridolin Sch\u00f6pper und Tobias Fimpel (Koby und Loby) machten die skurrile Kom\u00f6dienausstattung perfekt. Dazu kam das einfallsreich agierende &#8222;Vokalorchester&#8220; (Raphael Bartz, Tobias K\u00fchnle, Tobias W\u00f6hrle, Peter Zahn), das Fernz\u00fcge unerwartet anhalten und Kirchenglocken auch im Duett m\u00e4chtig erdr\u00f6hnen lie\u00df.<br \/>\nGAILDORF \u2217 Und Claire Zachanassian alias Klara W\u00e4scher? Darja Tutschkow gelang es, aus der milliardenschweren R\u00e4cherin von G\u00fcllen genau jene Figur zu personifizieren, die durch ihre gnadenlosen Schachz\u00fcge den gesamten Rhythmus des St\u00fcckes bestimmte. Es wird noch lange dauern, bis eine Sch\u00fclerin des Schenk-von-Limpurg-Gymnasiums so schrecklich alt wird wie Darja Tutschkow in ihrer Rolle: ein morbides Wrack mit Zigarre (&#8222;Reich&#8216; mir mein linkes Bein her\u00fcber&#8220;), pseudosentimental und herrschs\u00fcchtig. Und besonders ist zu betonen: Sympathie vom Publikum wurde h\u00f6chstens in hom\u00f6opathischen Dosen erbettelt.<\/p>\n<p>Das Theaterst\u00fcck war so klassisch inszeniert, dass das Zusammentreffen \u00a0er verschiedenen Wertevorstellungen hautnah sp\u00fcrbar wurde. Es ist zu vermuten, dass auch Friedrich D\u00fcrrenmatt der Auff\u00fchrung viel Applaus gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Mit freundlicher Genehmigung der Gaildorfer <a href=\"http:\/\/www.swp.de\/gaildorf\">Rundschau<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn alte Rechnungen beglichen werden Schon mit den beiden Extrabl\u00e4ttern des G\u00fcllener Volksboten wurden die Leser dar\u00fcber informiert, dass die Stadt G\u00fcllen tief in der Krise steckt. Aber auch der Kommentator deutete an, dass &#8222;unsere Kl\u00e4ri&#8220; Hoffnung auf einen Wertewandel versprechen k\u00f6nnte.\u00a0 RAINER KOLLMER GAILDORF \u2217 Wie haltbar ist Moral? Wie dehnbar ist sie? Wie &hellip; <a href=\"https:\/\/theater-svlg.de\/?page_id=987\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Presse<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":997,"parent":989,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/987"}],"collection":[{"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=987"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/987\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1580,"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/987\/revisions\/1580"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/989"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/997"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/theater-svlg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=987"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}